AfD-Aufstieg, Merkel-Erbe und die Frage, ob Europas stärkste Wirtschaft vor einer historischen Neuordnung steht

AfD-Aufstieg, Merkel-Erbe und die Frage, ob Europas stärkste Wirtschaft vor einer historischen Neuordnung steht

Eine Analyse über Deutschlands innere Krise, internationale Interessen, russische Einflussoperationen, die Zukunft der EU und die Grenzen des historischen Vergleichs mit 1933.
September 10, 2026
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Von der politischen Stabilität der Merkel-Jahre zur Fragmentierung der Gegenwart: Der Aufstieg der AfD stellt nicht nur die deutsche Parteienlandschaft infrage. Er berührt die europäische Wirtschaftsordnung, die Verteidigungsfähigkeit der EU und die geopolitische Stellung Deutschlands zwischen Washington, Moskau, Peking und Brüssel.

Das Inhaltsverzeichnis

Der politische Einschnitt von Sachsen-Anhalt

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom September 2026 markiert einen politischen Einschnitt, der weit über die Grenzen eines ostdeutschen Bundeslandes hinausreicht.

Die AfD erreichte nach der ARD-Hochrechnung 44,0 Prozent und wurde erstmals bei einer Landtagswahl stärkste Kraft. 2021 hatte die Partei noch 20,8 Prozent erhalten. Gleichzeitig stürzte die CDU von 37,1 auf 17,4 Prozent ab.

Diese Zahlen sind mehr als eine Momentaufnahme.

Sie zeigen, dass die AfD inzwischen in Teilen Deutschlands nicht mehr lediglich als Protestpartei betrachtet werden kann. Sie ist zu einem politischen Machtfaktor geworden, der die etablierten Parteien zwingt, ihre eigenen Positionen zu überprüfen.

Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage:

Beginnt in Deutschland nach 16 Jahren Merkel tatsächlich eine neue politische Epoche – und wird die AfD dabei zum wichtigsten Instrument oder lediglich zum sichtbarsten Symptom dieses Umbruchs?

Die Antwort ist komplizierter als die einfache Formel „Rechtsruck“.

16 Jahre Merkel: Stabilität – aber auch ein politischer Krisenmodus

Angela Merkel regierte Deutschland von 2005 bis 2021.

In dieser Zeit wurde Deutschland zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum Europas. Gleichzeitig war die Merkel-Ära von einer außergewöhnlichen Abfolge internationaler und innerer Krisen geprägt.

Finanzkrise.

Eurokrise.

Fukushima.

Flüchtlingskrise.

Klimapolitik.

Corona-Pandemie.

Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die Merkel-Jahre rückblickend als einen „Krisenmodus statt Visionen“. Die Regierungen hätten vielfach auf Krisen reagiert, statt langfristige politische Projekte konsequent umzusetzen.

Das ist für die heutige Situation entscheidend.

Denn Merkel hinterließ Deutschland zwar mit einer enormen wirtschaftlichen und politischen Bedeutung.

Aber sie hinterließ auch ungelöste Strukturprobleme.

Die deutsche Wirtschaft war stark von:

Exporten,
China,
günstiger Energie,
globalen Lieferketten,
europäischer Integration

abhängig.

Gleichzeitig wurden wichtige Zukunftsfragen nicht vollständig gelöst:

Digitalisierung,
Infrastruktur,
Bürokratieabbau,
Verteidigungsfähigkeit,
demografischer Wandel,
Energieversorgung,
strategische Rohstoffe,
industrielle Transformation.

Die politische Stabilität der Merkel-Jahre konnte damit teilweise die strukturelle Schwächung des deutschen Wirtschafts- und Staatsmodells überdecken.

Merkel konnte Deutschland stabilisieren – aber das System nach Merkel musste sich verändern

Die Bundestagswahl 2021 markierte nach Einschätzung der bpb eine deutliche Zäsur.

Die traditionelle Bindung der Wähler an die großen Volksparteien nahm ab. Das Parteiensystem wurde fragmentierter und volatiler.

Damit begann die eigentliche Post-Merkel-Phase.

Olaf Scholz konnte die entstandene politische Lücke nicht dauerhaft schließen.

Die Ampel-Koalition zerbrach.

Friedrich Merz übernahm anschließend die politische Führungsverantwortung der Union.

Doch auch unter der neuen Führung ist das Grundproblem nicht verschwunden:

Deutschland besitzt wirtschaftliche Macht, aber zunehmend weniger politischen Konsens darüber, wie diese Macht eingesetzt werden soll.

Genau in diesem Spannungsfeld wächst die AfD.

AfD: Ursache oder Symptom der deutschen Krise?

Die AfD wird häufig als Ursache des politischen Rechtsrucks dargestellt.

Das greift zu kurz.

Die AfD ist auch ein Produkt der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen Deutschlands.

Ihre Wählerschaft reagiert unter anderem auf:

Migration,
steigende Lebenshaltungskosten,
Wohnungsnot,
Energiepreise,
Strukturwandel,
wirtschaftliche Unsicherheit,
Vertrauensverlust in etablierte Parteien,
Bürokratie,
den Eindruck politischer Kontrollverluste.

Das bedeutet:

Die AfD musste diese Probleme nicht erfinden.

Sie musste lediglich lernen, sie politisch miteinander zu verbinden.

Und genau darin liegt ihre Stärke.

Die Partei versucht, aus verschiedenen Unzufriedenheiten eine einzige politische Erzählung zu formen:

Deutschland verliere die Kontrolle über seine Grenzen, seine Wirtschaft, seine Energieversorgung, seine nationale Souveränität und seine politische Entscheidungsfähigkeit.

Ob diese Diagnose richtig ist, ist eine andere Frage.

Politisch wirksam ist sie trotzdem.

Der entscheidende geopolitische Punkt: Deutschlands Schwäche ist für andere Mächte nicht neutral

Deutschland ist keine gewöhnliche europäische Mittelmacht.

Es ist die größte Volkswirtschaft der Europäischen Union und ein zentraler Bestandteil der europäischen Industrie-, Finanz- und Sicherheitsarchitektur.

Deshalb haben Veränderungen in Deutschland automatisch internationale Konsequenzen.

Eine schwächere europäische Führungsmacht kann für verschiedene internationale Akteure unterschiedliche Vorteile bringen.

Aber hier ist eine wichtige Unterscheidung notwendig.

Es gibt keine belastbaren Belege dafür, dass ausländische Mächte den Aufstieg der AfD vollständig geplant oder gesteuert hätten.

Es gibt jedoch nachweisbare ausländische Einflussoperationen, die versuchen, politische Konflikte in Deutschland zu verstärken.

Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Russische Einflussoperationen: Der nachweisbare Teil der Geschichte

Die Bundesregierung und der Deutsche Bundestag haben in den vergangenen Jahren wiederholt vor russischen Einfluss- und Desinformationsoperationen gewarnt.

Besonders relevant sind Kampagnen wie:

„Doppelgänger“,
„Voice of Europe“,
„Storm-1516“.

In parlamentarischen Dokumenten wurden verschiedene dieser Aktivitäten Russland zugerechnet. Für „Storm-1516“ verwiesen deutsche Behörden unter anderem auf Verbindungen zu russischen Einflussnetzwerken und Akteuren aus dem Umfeld russischer Geheimdienste und politischer Machtstrukturen.

Das Ziel solcher Operationen muss dabei nicht zwingend sein:

„AfD an die Macht bringen.“

Ein viel realistischeres strategisches Ziel kann lauten:

Vertrauen in demokratische Institutionen schwächen.

Gesellschaftliche Konflikte verschärfen.

Unterstützung für die Ukraine reduzieren.

Misstrauen gegenüber EU und NATO verstärken.

Die politische Entscheidungsfähigkeit westlicher Staaten beeinträchtigen.

Das ist ein wesentlich moderneres Verständnis von geopolitischer Einflussnahme.

Der entscheidende Unterschied: Einflussnahme ist nicht gleich politische Fernsteuerung

Die Versuchung ist groß, aus diesen Vorgängen eine große Verschwörung zu konstruieren:

Russland unterstützt AfD → AfD gewinnt → Deutschland wird geschwächt → Europa zerfällt.

So einfach funktioniert internationale Politik jedoch nicht.

Die AfD besitzt eine reale Wählerschaft.

Ihre politischen Themen existieren unabhängig von russischer Propaganda.

Ihre Wahlerfolge lassen sich nicht auf ausländische Einflussnahme reduzieren.

Die präzisere Analyse lautet:

Ausländische Akteure können bestehende gesellschaftliche Brüche verstärken, ohne diese Brüche selbst geschaffen zu haben.

Das ist möglicherweise die wichtigere Erkenntnis.

Denn eine Gesellschaft, die politisch und sozial stabil ist, ist wesentlich weniger anfällig für solche Operationen.

Warum Russland ein schwächeres Deutschland interessant finden könnte

Deutschland ist für die europäische Russlandpolitik entscheidend.

Ein politisch geeintes Deutschland bedeutet:

starke EU

starke NATO

hohe Unterstützung für die Ukraine

Sanktionen

europäische Verteidigungsinvestitionen

Ein innenpolitisch stark polarisiertes Deutschland kann dagegen zu einem schwierigeren Partner werden.

Aus Moskauer Perspektive muss ein idealer Zustand deshalb nicht unbedingt ein „russlandfreundliches Deutschland“ sein.

Es könnte strategisch schon ausreichen, wenn Deutschland:

politisch blockiert,
gesellschaftlich polarisiert,
europapolitisch skeptischer,
sicherheitspolitisch zurückhaltender

wird.

Und Washington?

Auch die amerikanische Perspektive ist komplex.

Ein starkes Deutschland ist für die USA wichtig, weil es ein zentraler Pfeiler der NATO in Europa ist.

Aber ein politisch und militärisch zunehmend autonomes Europa könnte langfristig die amerikanische strategische Dominanz auf dem Kontinent reduzieren.

Hier entsteht ein grundlegendes Spannungsverhältnis:

Europa soll militärisch stärker werden.

Aber:

Europa soll nicht vollständig strategisch unabhängig von den USA werden.

Deutschland steht genau zwischen diesen beiden Entwicklungen.

China: Das Problem der europäischen Geschlossenheit

Auch China hat ein Interesse an einem wirtschaftlich handlungsfähigen Europa – aber ein politisch fragmentiertes Europa kann für Peking strategisch leichter zu bearbeiten sein.

Ein gemeinsamer europäischer Markt mit gemeinsamer Industrie-, Technologie- und Handelspolitik besitzt gegenüber China eine deutlich größere Verhandlungsmacht.

Ein Europa, in dem Berlin, Paris, Rom und Budapest dauerhaft unterschiedliche strategische Interessen verfolgen, ist dagegen leichter bilateral zu bearbeiten.

Das bedeutet nicht, dass China die AfD steuert.

Dafür gibt es keine belastbaren Belege.

Aber es bedeutet:

Die Fragmentierung Europas verändert automatisch die internationale Machtverteilung.

Die AfD und der Dexit: Das ökonomische Risiko

Eine der fundamentalsten Fragen betrifft die Haltung der AfD zu EU und Euro.

Die AfD hat die gegenwärtige europäische Integrationsordnung wiederholt infrage gestellt.

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat die möglichen wirtschaftlichen Folgen eines Dexit untersucht.

Nach der IW-Modellrechnung könnte das deutsche reale BIP fünf Jahre nach einem entsprechenden Austrittsszenario um etwa 5,6 Prozent niedriger liegen. Die kumulierten Wertschöpfungsverluste würden sich auf rund 690 Milliarden Euro belaufen; rund 2,5 Millionen Arbeitsplätze könnten betroffen sein. Ein zusätzlicher Schaden durch einen Austritt aus dem Euro ist dabei noch nicht enthalten.

Diese Zahlen sind keine Vorhersage dessen, was bei einem tatsächlichen Dexit zwingend passieren würde.

Sie sind ein ökonomisches Szenario.

Aber sie zeigen die Größenordnung des Risikos.

Denn Deutschlands wirtschaftliche Stärke beruht gerade auf seiner Einbettung in Europa.

Deutschlands paradoxe Stärke

Hier liegt das zentrale Paradox der AfD-Position.

Deutschland möchte wirtschaftlich souveräner werden.

Doch ein erheblicher Teil seiner wirtschaftlichen Macht entsteht gerade durch die europäische Integration.

Deutschland profitiert von:

Euro

→ geringeren Wechselkursrisiken

Binnenmarkt

→ freiem Handel

Schengen

→ Mobilität

EU-Lieferketten

→ industrielle Integration

europäischen Standards

→ Skaleneffekte

gemeinsamer Handelspolitik

→ größere Verhandlungsmacht

Daraus folgt:

Ein Rückzug aus der europäischen Integration könnte Deutschlands formale nationale Souveränität erhöhen, während seine tatsächliche geopolitische Macht sinkt.

Das ist möglicherweise der wichtigste strategische Widerspruch der AfD-Europapolitik.

Die europäische Verteidigung: Hier wird die Frage noch größer

Der Ukraine-Krieg hat Europas Sicherheitsordnung verändert.

Die europäischen Staaten erhöhen ihre Verteidigungsausgaben.

Die EU versucht gleichzeitig, gemeinsame Beschaffung und europäische Rüstungsproduktion zu stärken.

Das Problem ist:

Ein einzelner europäischer Staat kann moderne Luftverteidigung, Satelliten, Drohnen, Cyberfähigkeiten, Raketenabwehr und strategische Aufklärung kaum effizient alleine bereitstellen.

Europa braucht deshalb Kooperation.

Die Frage lautet aber:

Wie viel Kooperation?

Zwei unterschiedliche europäische Sicherheitsmodelle

Modell A: Europäische Integration

Gemeinsame Beschaffung.

Gemeinsame Standards.

Gemeinsame Rüstungsindustrie.

Gemeinsame Infrastruktur.

Stärkere europäische Kommandostrukturen.

Strategische Autonomie der EU.

Modell B: Nationale Souveränität

Starke Bundeswehr.

Starke französische Armee.

Starke polnische Armee.

Starke italienische Armee.

Kooperation zwischen souveränen Staaten.

Weniger Kompetenzen für Brüssel.

Die AfD steht grundsätzlich näher an Modell B.

Die EU bewegt sich in mehreren Bereichen eher in Richtung Modell A.

Damit entsteht ein strategischer Konflikt, der weit über Parteipolitik hinausgeht.

AfD-Aufstieg könnte paradoxerweise die europäische Verteidigung beschleunigen

Das klingt zunächst widersprüchlich.

Aber gerade die Angst vor einer möglichen politischen Veränderung in Deutschland könnte andere europäische Staaten dazu bringen, stärker auf gemeinsame europäische Strukturen zu setzen.

Wenn Paris, Warschau, Brüssel oder andere Hauptstädte befürchten müssen, dass Berlin in Zukunft seine sicherheitspolitische Linie verändert, entsteht ein Anreiz:

Europäische Verteidigungsfähigkeit darf nicht vollständig von der innenpolitischen Situation eines einzelnen Mitgliedstaates abhängen.

Damit könnte der AfD-Aufstieg paradoxerweise jene Kräfte stärken, die für eine stärker integrierte europäische Verteidigung eintreten.

Die entscheidende Frage: Wird Deutschland vom europäischen Motor zum europäischen Bremsklotz?

Das ist die eigentliche strategische Frage.

Deutschland war jahrzehntelang einer der wichtigsten Motoren der europäischen Integration.

Wenn Berlin künftig sagt:

„Mehr nationale Souveränität.“ und  „Weniger Kompetenzen für Brüssel.“ und „Keine gemeinsame europäische Armee.“ dann verändert sich das europäische Gleichgewicht.

Nicht unbedingt durch einen sofortigen Austritt.

Sondern durch:

politische Verlangsamung.

Das könnte langfristig sogar wichtiger sein als ein formaler Dexit.

AfD-Aufstieg, Merkel-Erbe und die Frage, ob Europas stärkste Wirtschaft vor einer historischen Neuordnung steht

Die gefährlichste Entwicklung wäre nicht der AfD-Sieg – sondern die AfDisierung der politischen Mitte

Eine Partei kann 20 oder 30 Prozent erreichen und trotzdem demokratisch kontrolliert werden.

Gefährlicher ist eine andere Entwicklung:

Wenn die etablierten Parteien beginnen, die politische Sprache und die politischen Grundannahmen der radikalen Opposition zu übernehmen.

Dann verändert eine Partei das System, ohne selbst die Regierung zu führen.

Das wäre eine Form von:

„politischer Verschiebung ohne Regierungsübernahme“.

Wenn etwa:

AfD fordert Grenzschließungen.

→ Mitte-Parteien verschärfen Grenzpolitik.

AfD kritisiert EU-Kompetenzen.

→ Mitte-Parteien übernehmen Teile dieser Kritik.

AfD fordert nationale Interessen.

→ Europäische Solidarität wird zunehmend als Belastung dargestellt.

AfD attackiert Institutionen.

→ Vertrauen in Medien, Gerichte und Parlamente sinkt.

Dann entsteht eine neue politische Normalität.

Und genau dort liegt das größere Risiko.

Kommt ein neues 1933?

Diese Frage wird in Deutschland zwangsläufig gestellt.

Die Antwort muss klar sein:

Nein – die heutige Bundesrepublik ist nicht die Weimarer Republik von 1933.

Die institutionellen Unterschiede sind fundamental.

Deutschland verfügt über:

ein starkes Bundesverfassungsgericht,
föderale Machtverteilung,
freie Wahlen,
unabhängige Medien,
eine organisierte Zivilgesellschaft,
europäische und internationale Rechtsbindungen,
NATO-Mitgliedschaft,
EU-Mitgliedschaft,
eine Verfassung mit bewusst starken Schutzmechanismen gegen die Wiederholung der NS-Diktatur.

Deshalb wäre die Gleichsetzung:

AfD = NSDAP

historisch und politikwissenschaftlich nicht haltbar.

Aber der historische Vergleich darf nicht völlig verschwinden

Der Wert eines historischen Vergleichs liegt nicht darin, identische Ereignisse zu behaupten.

Er liegt darin, Frühwarnmechanismen zu erkennen.

Gefährlich werden Demokratien nicht erst dann, wenn eine Diktatur errichtet wird.

Gefährlich wird es bereits, wenn:

demokratische Institutionen ihre Legitimität verlieren,
politische Gegner als Feinde betrachtet werden,
gesellschaftliche Gruppen systematisch entmenschlicht werden,
Krisen permanent als Ausnahmezustand erscheinen,
Gewalt und politische Einschüchterung normalisiert werden,
Medien als grundsätzlich illegitim dargestellt werden,
Gerichte nicht mehr als neutrale Institutionen akzeptiert werden,
demokratische Regeln nur noch gelten, solange sie der eigenen politischen Seite nutzen.

Diese Warnzeichen verdienen Aufmerksamkeit.

Nicht weil Deutschland unmittelbar vor 1933 steht.

Sondern weil die deutsche Geschichte erklärt, warum solche Entwicklungen besonders ernst genommen werden müssen.

Das eigentliche Risiko heißt nicht „1933“, sondern demokratische Erosion

Ein moderner autoritärer Wandel würde wahrscheinlich nicht wie 1933 aussehen.

Er könnte wesentlich subtiler verlaufen.

Nicht:

Diktatur über Nacht.

Sondern:

Misstrauen → Polarisierung → institutionelle Blockade → politische Radikalisierung → Normalisierung des Ausnahmezustands → Umbau von Institutionen.

Das ist eine wesentlich realistischere Warnung für die Gegenwart.

Deutschland zwischen vier Machtzentren

Die deutsche Zukunft wird zunehmend von vier geopolitischen Polen beeinflusst.

Washington

Sicherheit, NATO, transatlantische Ordnung.

Brüssel

EU, Binnenmarkt, Euro, europäische Verteidigung.

Moskau

Russland, Ukrainekrieg, Energie, hybride Einflussnahme.

Peking

Handel, Industrie, Technologie, Lieferketten.

Berlin muss gleichzeitig mit allen vier Zentren umgehen.

Das macht Deutschlands Situation historisch ungewöhnlich

Das Ende der Merkel-Ordnung

Die Merkel-Ära beruhte letztlich auf einem politischen Gleichgewicht:

USA garantieren Sicherheit.

Russland liefert Energie.

China kauft deutsche Industrieprodukte.

EU garantiert den Binnenmarkt.

Deutschland produziert und exportiert.

Dieses Modell funktionierte erstaunlich lange.

Der Ukrainekrieg hat den Russland-Pfeiler beschädigt.

Die amerikanische Politik verändert sich.

China ist vom Kunden zunehmend zum strategischen Wettbewerber geworden.

Die EU muss sich selbst verteidigungsfähig machen.

Und Deutschland muss gleichzeitig seine industrielle Basis transformieren.

Damit ist die alte Ordnung beendet.

AfD als Ausdruck einer neuen deutschen Suchbewegung

Der AfD-Aufstieg ist deshalb auch ein Ausdruck einer Gesellschaft, die nach einer neuen politischen Identität sucht.

Die zentrale Frage lautet:

Was soll Deutschland im 21. Jahrhundert sein?

Eine europäische Führungsmacht?

Eine nationale Wirtschaftsmacht?

Eine transatlantische Militärmacht?

Eine neutrale Handelsmacht?

Oder eine Kombination daraus?

Die politische Mitte hat auf diese Frage bislang keine überzeugende gemeinsame Antwort gefunden.

Die AfD bietet eine einfache Antwort: mehr nationale Souveränität.

Ob diese Antwort wirtschaftlich und geopolitisch funktioniert, ist eine andere Frage.

Aber ihre politische Einfachheit ist ein wesentlicher Teil ihrer Stärke.

Was könnte in den kommenden Jahren passieren?

Szenario 1: Die AfD bleibt stark, aber außerhalb der Bundesregierung

Deutschland bleibt grundsätzlich europäisch integriert.

Die EU bleibt stabil.

Die AfD beeinflusst jedoch die politische Agenda.

Wahrscheinliche Folge:

Mehr Grenzkontrollen, restriktivere Migrationspolitik und vorsichtigere europäische Integration.

Szenario 2: Die AfD wird Teil einer Landes- oder später Bundeskoalition

Dann beginnt die eigentliche institutionelle Bewährungsprobe.

Die Frage lautet nicht mehr:

„Was fordert die AfD?“

sondern:

„Was darf sie tatsächlich verändern?“

Hier würden Koalitionsverträge, Verfassungsgericht, Bundesrat, EU-Recht und internationale Verpflichtungen entscheidend.

Szenario 3: Die AfD erhält auf Bundesebene eine Regierungsmehrheit

Das wäre ein historischer Einschnitt.

Die entscheidenden Konfliktfelder wären:

-EU-Mitgliedschaft,
-Euro,
-Migration,
-NATO,
-Ukraine,
-Verteidigung,
-Russlandpolitik,
-Schengen,
-europäische Finanzpolitik.

Dann wäre Deutschland nicht mehr nur Beobachter des europäischen Umbruchs.

Deutschland selbst würde zum Auslöser des Umbruchs werden.

Was bedeutet das für Europa?

Die EU könnte auf einen deutschen politischen Kurswechsel auf drei Arten reagieren.

Mehr Integration

Andere Mitgliedstaaten treiben die europäische Integration ohne Deutschland stärker voran.

Flexible Integration

Eine Gruppe von Staaten entwickelt gemeinsame Verteidigungs- und Finanzinstrumente, während andere Länder weniger tief integriert bleiben.

Fragmentierung

Nationalstaatliche Interessen gewinnen gegenüber gemeinsamer europäischer Politik an Gewicht.

Die dritte Variante wäre für die EU die gefährlichste.

Deutschlands paradoxe Zukunft

Deutschland könnte in den kommenden Jahren vor einem historischen Paradox stehen:

Je stärker die deutsche Politik auf nationale Souveränität setzt, desto schwieriger könnte es werden, deutsche Interessen international durchzusetzen.

Denn Deutschland ist stark, weil es in einem starken europäischen System eingebettet ist.

Das ist die eigentliche strategische Besonderheit der Bundesrepublik.

Deutschlands Macht ist nicht nur:

Berlin.

Sie ist:

Berlin + Brüssel + Euro + Binnenmarkt + NATO + europäische Industrie + transatlantische Beziehungen.

Eine Schwächung dieser Kombination könnte Deutschlands nationale Handlungsfreiheit auf dem Papier erhöhen, seine tatsächliche internationale Macht aber verringern.

Schlussfolgerung: Deutschland steht nicht vor 1933 – aber vor einer historischen Entscheidung

Der Aufstieg der AfD ist weder ausschließlich ein Produkt ausländischer Einflussnahme noch ausschließlich eine spontane Reaktion deutscher Wähler.

Er ist das Ergebnis einer Überlagerung mehrerer Krisen:

wirtschaftliche Transformation
Migration
Vertrauensverlust
Post-Merkel-Fragmentierung
Ukrainekrieg
Energiekrise
geopolitische Rivalität
digitale Desinformation
Identitätspolitik
die neue politische Realität Deutschlands.

Ausländische Mächte versuchen nachweislich, bestehende Konflikte zu beeinflussen und zu verstärken. Die deutschen Behörden haben insbesondere russische Einflussoperationen dokumentiert. Das bedeutet jedoch nicht, dass die AfD von außen „erschaffen“ wurde.

Die AfD hat reale gesellschaftliche Ursachen. Aber ihre internationale Bedeutung geht weit über Deutschland hinaus.

Denn wenn Deutschland seine Rolle verändert, verändert sich Europa.

Wenn Deutschland seine europäische Verantwortung reduziert, verändert sich die EU.

Wenn Deutschland seine Verteidigungsintegration blockiert, verändert sich Europas Sicherheitsarchitektur.

Und wenn Deutschland seine historische politische Mitte verliert, stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die demokratische Ordnung genügend institutionelle Kraft besitzt, um die neue Polarisierung zu absorbieren.

Der eigentliche Test beginnt erst

Die entscheidende Frage für Deutschland lautet daher nicht:

„Wird die AfD stärkste Partei?“

Die entscheidendere Frage lautet:

„Kann die deutsche Demokratie die Ursachen des AfD-Erfolgs lösen, ohne selbst die demokratischen und europäischen Grundprinzipien aufzugeben, die Deutschland seit 1949 Stabilität und Macht verschafft haben?“

Das wird die eigentliche Bewährungsprobe der kommenden Jahre.

Deutschland steht nicht vor einer Wiederholung von 1933.

Aber Deutschland steht vor einer Neuordnung seiner politischen Identität.

Und diese Neuordnung entscheidet nicht nur über Deutschland.

Sie entscheidet zu einem erheblichen Teil darüber, welche Europäische Union nach der Merkel-Ära entstehen wird.

Ergänzende redaktionelle Fußnote zur Rolle der USA:

Neben den nachweisbaren russischen Einfluss- und Desinformationsoperationen sollte in der Analyse auch die mögliche Rolle der Vereinigten Staaten – insbesondere seit dem erneuten Amtsantritt Donald Trumps – als eigenständige geopolitische Untersuchungsfrage berücksichtigt werden. Trump hat wiederholt den europäischen NATO-Staaten, insbesondere Deutschland, einen größeren finanziellen und militärischen Beitrag zur europäischen Verteidigung abverlangt und die Verlässlichkeit der bisherigen amerikanischen Sicherheitsgarantien in Europa zumindest politisch infrage gestellt. Zugleich besitzt Deutschland aufgrund seiner wirtschaftlichen Größe, seiner zentralen Stellung innerhalb der Europäischen Union und seines Gewichts in der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik eine besondere strategische Bedeutung. Analysen zur amerikanischen Macht in Europa weisen darauf hin, dass Washington über NATO-Strukturen, militärische Infrastruktur, Nachrichtendienste, Rüstungskooperationen und die langfristig gewachsene sicherheitspolitische Abhängigkeit Europas erheblichen Einfluss auf die europäische Sicherheitsordnung ausübt.

Vor diesem Hintergrund ist die Frage nicht auszuschließen, ob auch amerikanische politische, nachrichtendienstliche oder geopolitische Akteure versuchen könnten, auf die politische Entwicklung Deutschlands mittelbar oder unmittelbar Einfluss zu nehmen. Diese Frage gewinnt zusätzliche Relevanz angesichts der zunehmend offenen politischen Auseinandersetzung zwischen der Trump-Regierung und etablierten deutschen Parteien sowie der in Washington teilweise erkennbaren Sympathie für die AfD. Entsprechende Beobachtungen und politische Signale dürfen jedoch nicht ohne belastbare Belege zu der Behauptung verdichtet werden, die USA hätten den Aufstieg der AfD geplant oder gesteuert.

Auch Äußerungen und Einschätzungen ehemaliger oder amtierender US-Geheimdienstvertreter verdienen in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit. Sie zeigen, dass die amerikanische Außen- und Sicherheitspolitik Europa nicht lediglich als passiven Bündnisraum betrachtet, sondern als strategischen Raum, in dem militärische Präsenz, Nachrichtendienste, NATO-Strukturen und politische Einflussmöglichkeiten zusammenwirken. Der jüngste, öffentlich geheimnisumwitterte Moskau-Besuch von CIA-Direktor John Ratcliffe und die unterschiedlichen Berichte über dessen mögliche Botschaften an Russland verdeutlichen zugleich, wie eng Geheimdienstpolitik, NATO-Fragen und die geopolitische Interessenlage Washingtons miteinander verbunden sind. Über den konkreten Inhalt dieses Gesprächs liegen allerdings keine vollständigen öffentlichen Belege vor.

Daraus folgt eine wichtige analytische Erweiterung: Die deutsche politische Entwicklung sollte weder ausschließlich als Ergebnis russischer Einflussnahme noch ausschließlich als Folge innerdeutscher Krisen interpretiert werden. Zu untersuchen ist vielmehr das Zusammenwirken von innerdeutschen sozialen und wirtschaftlichen Konflikten, europäischen Integrationsproblemen, russischen Einflussoperationen, amerikanischer Sicherheits- und Bündnispolitik sowie den Interessen weiterer globaler Machtzentren. Erst diese Mehrfachperspektive erlaubt eine belastbare Einschätzung darüber, ob Deutschland lediglich eine innenpolitische Transformation erlebt – oder ob seine politische Neuordnung zugleich Teil eines größeren geopolitischen Machtkampfes um die zukünftige Struktur Europas ist.

……………………..

Quellen und weiterführende Literatur

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)

Reimut Zohlnhöfer: „Krisenmodus statt Visionen – Eine Reformbilanz der Regierungen unter Angela Merkel“, 19.11.2021.
Die Studie analysiert die 16-jährige Merkel-Regierungszeit und beschreibt den starken Einfluss von Finanzkrise, Eurokrise, Fukushima, Migration und Corona auf die politische Agenda.

Sascha Kneip / bpb: „Nach der Bundestagswahl“, 2021.
Zur Fragmentierung des Parteiensystems und zum politischen Einschnitt nach 16 Jahren Merkel.

bpb Deutschland Archiv: „Demokratiestörung?“
Zur historischen Entwicklung des deutschen Regierens und zum Krisenmodus der Merkel-Jahre.

Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln)

Hubertus Bardt, Lennart Bolwin, Berthold Busch, Jürgen Matthes: „Dexit würde 690 Milliarden Euro kosten“, 19.05.2024.
Zur möglichen wirtschaftlichen Wirkung eines deutschen EU-Austritts. Das IW berechnet nach fünf Jahren einen möglichen Rückgang des realen BIP um 5,6 Prozent sowie rund 690 Milliarden Euro kumulierte Wertschöpfungsverluste.

IW: „Rechtsaußen-Erstarken in Deutschland: Implikationen für den Wirtschaftsstandort“.
Zur Wahrnehmung des AfD-Aufstiegs durch Unternehmen sowie zu den möglichen Auswirkungen auf EU, Euro, Arbeitsmarkt und Standort Deutschland.

Michael Hüther / IW: „Die AfD ist Gift für unsere Wirtschaft“.
Zur europapolitischen und wirtschaftlichen Dimension des AfD-Aufstiegs.

ARD / Tagesschau

„Hochrechnung zur Wahl in Sachsen-Anhalt: AfD mit Rekordergebnis – CDU stürzt ab“, 06.09.2026.
Zur Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt und dem AfD-Ergebnis von 44,0 Prozent.

Europäische Union / Europäisches Parlament

European Parliament Research Service: Analysen zur europäischen Verteidigungsfähigkeit und zur Entwicklung der europäischen Verteidigungsstrukturen.

Deutscher Bundestag

Parlamentarische Dokumente und Anhörungen zu russischen Einflussoperationen, Desinformation, „Doppelgänger“, „Voice of Europe“ und „Storm-1516“ bilden die Grundlage für die Aussagen über nachweisbare ausländische Einflussaktivitäten.

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