Berlin/Peking. China ist für die deutsche Wirtschaft gleichzeitig Partner und zunehmend Rivale – diese Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) sorgt derzeit für Diskussionen. Während deutsche und europäische Wirtschaftsverbände vor wachsenden Abhängigkeiten und unfairem Wettbewerb warnen, weist Peking die Vorwürfe entschieden zurück und spricht stattdessen von einer „China-Chance 2.0″.
Warnung vor einem zweiten China-Schock
Der Bundesverband der Deutschen Industrie sieht die deutsche Wirtschaft mit wachsenden strukturellen Problemen konfrontiert. BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner sprach gegenüber der Deutschen Presse-Agentur von einem “China-Schock 2.0”, der nicht nur einzelne Branchen, sondern massiv die Industrie in der Breite treffe – durch Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen, eine deutlich unterbewertete Währung sowie staatlich induzierte Überkapazitäten, die wegen eines schwachen Binnenmarkts in China und Marktabschottung insbesondere in den USA ungebremst den EU-Binnenmarkt fluteten. Hinzu komme Chinas Anspruch, in Schlüsseltechnologien zum Weltmarktführer zu werden.
Der Begriff knüpft an den sogenannten “ersten” China-Schock an: Damit wird die Zeit nach Chinas Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001 bezeichnet, als in großem Stil billige Produkte aus der Volksrepublik auf die Weltmärkte kamen. Historisch profitierte die deutsche Industrie zunächst erheblich vom chinesischen Aufstieg, da chinesische Kunden deutsche Autos und Maschinen kauften. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt: Deutsche Autobauer haben zunehmend Probleme auf dem chinesischen Markt, während in vielen Branchen staatlich subventionierte chinesische Hersteller mit niedrigen Preisen auf die europäischen Märkte drängen.
Bereits die China-Strategie der Bundesregierung von 2023 hatte diese Ambivalenz offiziell verankert: China wird darin als Partner, Wettbewerber und zugleich systemischer Rivale beschrieben.

Welche Optionen sieht der BDI?
Trotz der düsteren Analyse betont der Verband, Europa sei den Entwicklungen nicht hilflos ausgeliefert. “Aber Europa hat Optionen”, sagte Gönner und verwies darauf, dass rund 60 Prozent des Welthandels weiterhin nach den Regeln der Welthandelsorganisation abgewickelt würden und viele Partner an regelbasiertem Handel interessiert seien. Als positives Signal wertet der BDI, dass die EU zuletzt Handelsabkommen abschließen konnte, die zuvor jahrelang blockiert waren – etwa das Anfang Mai vorläufig in Kraft getretene Mercosur-Abkommen mit Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay, das schrittweise Handelsbarrieren und Zölle abbauen soll.
Auf EU-Ebene laufen parallel weitere Initiativen zur Verringerung der Abhängigkeit von China bei kritischen Rohstoffen. Die EU hat sich bereits konkrete Ziele gesetzt: Bis 2030 soll die Union in der Lage sein, 10 Prozent der von ihr verbrauchten strategischen Rohstoffe selbst zu gewinnen, 40 Prozent zu verarbeiten und 25 Prozent zu recyceln, während die Abhängigkeit von einem einzelnen Land bei keinem Rohstoff mehr als 65 Prozent der Nachfrage decken soll.
Die europäische Debatte: Uneinigkeit über den richtigen Kurs
Nicht alle europäischen Stimmen ziehen an einem Strang. Eine Analyse des Rhodium Group-nahen Thinktanks zeigt, dass innerhalb der EU-Spitze unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden: Sowohl Frankreichs Präsident Emmanuel Macron als auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen haben Chinas Führung gewarnt, dass sich der europäische Markt für chinesische Güter schließen könnte, sollte Peking sein Überkapazitätsproblem und den wachsenden Handelsbilanzüberschuss nicht angehen.
Bundeskanzler Merz setze dagegen stärker auf die “Fördern”- und “Partner”-Elemente der europäischen Wirtschaftssicherheitsstrategie – etwa den Abbau von Regulierung, die Vollendung des Binnenmarkts und die Diversifizierung durch neue Handelspartnerschaften – statt auf den von Macron favorisierten Schutz-Pfeiler.
Ein Policy Brief des Centre for European Reform geht noch weiter und plädiert für ein entschlosseneres Vorgehen: Da Chinas Überkapazitäten die gesamte Wirtschaft und nicht nur einzelne Produkte beträfen, könne Europas Antwort nicht länger Produkt für Produkt erfolgen, sondern müsse umfassender ausfallen – etwa durch eine aggressivere Nutzung bestehender Instrumente wie Anti-Dumping- und Antisubventionsverfahren. Als Beleg für das Ausmaß der chinesischen Staatshilfen verweist die Analyse auf Schätzungen des Internationalen Währungsfonds, wonach diese Subventionen sich auf etwa 4,4 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts belaufen.
Die chinesische Gegenposition: “China-Chance statt China-Schock”
Aus Peking kommt entschiedener Widerspruch. Chinas Handelsministerium veröffentlichte ein ausführliches Positionspapier, das die Vorwürfe der Überkapazität systematisch zurückweist. Chinesische Fachleute bewerten das Dokument als Reaktion auf die Politisierung von Handelsfragen durch westliche Staaten, die aus Sorge um die eigene industrielle Wettbewerbsfähigkeit und Marktstellung die Erzählung von “Überkapazität” und sogar einem “China-Schock 2.0″ befeuerten.
Die chinesische Staatszeitung Global Times geht noch weiter und prägt den Gegenbegriff „China-Chance 2.0”: Die Erzählung eines “China-Schocks 2.0” verzerre Chinas industrielle Modernisierung und das Wachstum im Außenhandel in Bereichen wie künstlicher Intelligenz, Elektrofahrzeugen, Photovoltaik und Hightech-Ausrüstung, indem sie als “Dumping durch Überkapazität” oder als Verdrängung anderer Industrien dargestellt werde. Als Gegenbeleg wird auf internationale Wirtschaftsforen sowie auf anhaltend hohe ausländische Direktinvestitionen in China verwiesen.
Auch chinesische Wissenschaftler weisen die Kritik zurück. Der Dekan des China-Instituts für WTO-Studien in Peking argumentiert, Chinas industrieller Aufstieg sei das Ergebnis nachhaltiger Investitionen in Forschung und Entwicklung, einer vollständigen industriellen Wertschöpfungskette und scharfen Marktwettbewerbs – eine legitime Erfolgsgeschichte, die nicht als “Schock” oder Bedrohung dargestellt werden sollte. Aus chinesischer Sicht wird zudem häufig auf die eigene Exportgeschichte Deutschlands verwiesen: Handelsbilanzüberschüsse großer Industrienationen seien historisch keine Seltenheit, heißt es unter Verweis auf frühere deutsche und japanische Leistungsbilanzüberschüsse von zeitweise über sechs Prozent des BIP.
Die Debatte zeigt exemplarisch, wie unterschiedlich dieselben wirtschaftlichen Entwicklungen – wachsende chinesische Exporte in Zukunftsbranchen, staatliche Industriepolitik und ein wachsender chinesischer Handelsbilanzüberschuss – je nach Perspektive gedeutet werden.
Während deutsche und einige europäische Stimmen eine strukturelle Bedrohung für die heimische Industrie sehen und auf härtere Handelsschutzinstrumente drängen, deutet Peking dieselben Zahlen als Ausdruck legitimer industrieller Stärke und wirft dem Westen mangelnde Innovationsfähigkeit vor. Wie die EU und insbesondere Deutschland zwischen wirtschaftlicher Offenheit und dem Schutz eigener Schlüsselindustrien navigieren, dürfte in den kommenden Monaten – nicht zuletzt mit Blick auf anstehende Gespräche zwischen Berlin, Brüssel und Peking – eines der zentralen wirtschaftspolitischen Themen bleiben.
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Quellen:
-Deutsche Presse-Agentur (dpa), zitiert u. a. in Ostfriesen-Zeitung, Rhein-Zeitung, Rheinpfalz,Handelsblatt, Westdeutsche Zeitung (02.08.2026)
-Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), bdi.eu/de/topics/china
-Centre for European Reform, “China shock 2.0: The cost of Germany’s complacency” (cer.eu, Mai 2026)
-Ministry of Commerce der Volksrepublik China, zitiert in Global Times und China Daily (Juli 2026)
-Nikkei Asia, “China rejects ‘overcapacity’ claims in sweeping rebuttal against US, EU”