Kerosin-Krise: Wie der Nahost-Konflikt Europas Luftverkehr ins Wanken bringt

Die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten haben eine empfindliche Schwachstelle der europäischen Luftfahrt offengelegt: die Abhängigkeit von Treibstoff-Lieferketten aus der Golfregion. Was zunächst als geopolitisches Risiko begann, ist inzwischen zu einem handfesten Versorgungsproblem für Fluggesellschaften geworden.

Die blockierte Straße von Hormus
Mit der Blockade der Straße von Hormus wuchs in Europa die Sorge vor Engpässen bei Flugbenzin. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur reichten die Kerosinvorräte zeitweise nur noch für rund sechs Wochen. Der Ökonom Claudio Galimberti von der Analysefirma Rystad Energy warnte bereits im April, die Lage könne binnen weniger Wochen “systemisch” werden – das Risiko sei zwar in Asien am höchsten, betreffe aber wegen der gemeinsamen Abhängigkeit von nahöstlichem Öl auch Europa. Die EU deckt demnach 30 bis 40 Prozent ihres Kerosinbedarfs durch Importe.

US-Kerosin als Notlösung
Als Reaktion auf die drohende Knappheit machte die Europäische Agentur für Flugsicherheit (EASA) im Mai den Weg frei für den Einsatz von US-Kerosin (Jet A) auf europäischen Flügen. Der Unterschied zum in Europa üblichen Jet A-1 liegt vor allem im Gefrierpunkt: Jet A-1 bleibt bis minus 47 Grad flüssig, das US-Pendant nur bis minus 40 Grad. Die Behörde erklärte, eine Einführung von Jet A in Europa werfe keine Sicherheitsbedenken auf, sofern sie ordnungsgemäß abgewickelt werde. Der Branchenverband Airlines for Europe – dem unter anderem Lufthansa, Air France-KLM und die British-Airways-Mutter IAG angehören – hatte bereits im April um eine
entsprechende Genehmigung gebeten.

Politik fordert koordiniertes Vorgehen
Auf EU-Ebene zeigte man sich zunächst zurückhaltend: Die EU-Kommission erwartete für die kommenden Wochen keine weitreichenden Engpässe, kündigte aber Leitlinien zu Slots, Betankung und Fluggastrechten an sowie ein neues “Kraftstoff-Observatorium” zur Überwachung der Versorgungslage. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) forderte bei einem informellen Austausch der EU-Verkehrsminister ein gemeinsames, entschlossenes europäisches Vorgehen und ein engmaschiges Monitoring durch die Kommission.

Entschädigungen bei Flugausfällen
Ein zentraler Konfliktpunkt betrifft die Fluggastrechte: Airline-Verbände fordern, dass Ausfälle oder Verspätungen wegen Treibstoffmangels als “außergewöhnliche Umstände” gewertet werden – wodurch Entschädigungen entfallen würden. Die Vorständin des Verbraucherzentrale-Bundesverbands, Ramona Pop, mahnte die EU dagegen zu strikten Regeln, die nur im nachweisbaren Krisenfall greifen dürften.

Warum “grüner” Kraftstoff keine Lösung ist
Auch nachhaltiger Flugtreibstoff (SAF) kann die Lücke nicht schließen: Die globale SAF-Produktion deckte 2025 schätzungsweise nur etwa 0,7 Prozent der weltweiten Jet-Treibstoffnachfrage, bei bis zu fünffachen Kosten gegenüber konventionellem Kerosin. SAF bleibt damit ein langfristiges Klimainstrument, aber keine kurzfristige Krisenreserve.

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Quellen:

  • ZDFheute: "Kerosin wird knapper: Fallen bald Flüge aus?" (16.04.2026)
  • airliners.de: "EU-Kommission sieht keinen akuten Kerosinmangel" (21.04.2026)
  • Berliner Zeitung: "Drohender Engpass: Flugzeuge in Europa dürfen nun auch US-Kerosin tanken" (08.05.2026)

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