In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin könnte die AfD im September 2026 erstmals stärkste Kraft in Landtagswahlen werden – mit Umfragewerten von bis zu 43 Prozent.
Bild: Pexel

Machtfrage Ost: Warum die AfD vor einem historischen Wahlherbst steht – und was das für Deutschland bedeutet

September 4, 2026
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Drei Landtagswahlen in wenigen Wochen, ein gemeinsamer Trend: In Sachsen-Anhalt (13. September), Mecklenburg-Vorpommern und Berlin (jeweils 20. September) liegt die AfD in nahezu allen aktuellen Umfragen mit teils deutlichem Abstand vorn. Was vor fünf Jahren als Randphänomen galt, hat sich in Teilen Ostdeutschlands zu einer politischen Mehrheitsrealität entwickelt.

Die Zahlen: Ein historischer Sprung

In Sachsen-Anhalt zeigen aktuelle INSA-Umfragen die AfD bei 42 bis 43 Prozent – mehr als eine Verdopplung gegenüber dem Ergebnis von 2021 (20,8 Prozent). Die CDU von Ministerpräsident Reiner Haseloff ist von 37,1 auf nur noch rund 22 bis 24 Prozent abgerutscht. In Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD laut einer Forsa-Umfrage für die “Ostsee-Zeitung” bei 37 Prozent, gefolgt von der SPD mit 28 Prozent – die Partei von Ministerpräsidentin Manuela Schwesig, die 2021 noch mit 39,6 Prozent klar stärkste Kraft war. Auch in Berlin und weiteren ostdeutschen Ländern zeichnet sich laut Handelsblatt-Umfragetracker ein ähnliches Bild ab, während SPD, Grüne, FDP und BSW in mehreren Ländern um den Einzug in die Landtage bangen müssen.

Warum die AfD zulegt: Erklärungsansätze

Politikwissenschaftliche Erklärungen für den Aufstieg der AfD in Ostdeutschland bewegen sich meist entlang mehrerer, sich überlagernder Faktoren: eine anhaltende Unzufriedenheit mit der wirtschaftlichen Entwicklung in strukturschwachen Regionen, Sorgen über Migration und innere Sicherheit, ein spürbares Gefühl politischer Nicht-Repräsentation gegenüber den etablierten Parteien sowie – nicht zuletzt – der teils erhebliche Amtsbonus einzelner CDU-Ministerpräsidenten wie Haseloff, der punktuell noch abgefedert, den strukturellen Trend aber offenbar nicht umkehren kann.

Chancen: Was Befürworter einer AfD-Regierungsbeteiligung anführen

Aus Sicht der AfD und ihrer Anhänger sowie eines Teils der ostdeutschen Wählerschaft werden folgende Argumente vorgebracht:

Demokratische Legitimität: Eine Partei, die durchgehend stärkste Kraft wird, dürfe nach demokratischem Grundverständnis nicht dauerhaft von der Regierungsbildung ausgeschlossen werden – Umfragen zufolge befürworten in Ostdeutschland rund 33 Prozent der Befragten eine AfD-Regierungsbeteiligung, deutlich mehr als im Bundesdurchschnitt (25 Prozent).

Wechseldruck auf etablierte Parteien: Anhänger argumentieren, ein Machtwechsel könnte etablierte Parteien zu einer stärkeren inhaltlichen Auseinandersetzung mit Themen wie Migration, innerer Sicherheit und regionaler Strukturschwäche zwingen.

Regionale Selbstbestimmung: Für Teile der Wählerschaft steht der Wunsch im Vordergrund, ostdeutsche Interessen stärker eigenständig zu vertreten, statt sich an bundespolitischen Vorgaben zu orientieren.

Risiken: Was Kritiker und die “Brandmauer”-Parteien entgegenhalten

Diesen Positionen stehen erhebliche Gegenargumente gegenüber:

Verfassungsschutz-Einstufung: Die AfD wird in mehreren ostdeutschen Bundesländern, darunter Sachsen-Anhalt, vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextrem eingestuft – ein Befund, der aus Sicht der übrigen Parteien eine Regierungsbeteiligung grundsätzlich ausschließt.

Geschlossene “Brandmauer”: CDU, SPD, Grüne, FDP und Linke schließen eine Koalition mit der AfD in allen drei anstehenden Wahlen weiterhin kategorisch aus – selbst bei einer relativen AfD-Mehrheit von über 40 Prozent käme es damit voraussichtlich zu einer Minderheitsregierung der übrigen Parteien oder komplexen Vier-Parteien-Bündnissen.
Fragmentierung des Parteiensystems: Da FDP, BSW und teils auch die Grünen an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnten, drohen ohnehin schon dünne Mehrheiten der “Brandmauer”-Parteien noch fragiler zu werden – mit dem Risiko wiederkehrender Regierungskrisen.

Wirtschaftliche und außenpolitische Folgerisiken: Kritiker warnen vor Reputationsschäden für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland sowie einer möglichen internationalen Isolation im Falle einer AfD-Regierungsbeteiligung.
Einordnung

Selbst ein AfD-Wahlsieg mit absoluter Stimmenmehrheit würde nicht automatisch zu einer AfD-geführten Regierung führen, solange die Brandmauer bei den übrigen Parteien hält – das zeigt der Blick auf die aktuelle Koalitionsarithmetik in allen drei Bundesländern. Die eigentliche politische Sprengkraft der bevorstehenden Wahlen liegt daher weniger in der kurzfristigen Regierungsbildung als in der langfristigen demokratischen Legitimationsfrage: Wie lange lässt sich eine strukturelle Mehrheitspartei dauerhaft von der Macht fernhalten, ohne dass dies selbst zu einer weiteren Vertrauenskrise gegenüber dem politischen System führt? Diese Frage dürfte über den September 2026 hinaus die zentrale Debatte der ostdeutschen – und zunehmend auch der bundesdeutschen – Politik bestimmen.

……………………………………

Quellen:

-Handelsblatt, Umfragetracker “Landtagswahlen 2026: Welche -Parteien in Ostdeutschland laut Umfragen vorne liegen” (Stand: 04.09.2026)
-t-online, “Neue Umfrage zur MV-Wahl 2026: AfD weiter vorn – SPD holt deutlich auf” (01.09.2026, Forsa/Ostsee-Zeitung)
-WirtschaftsWoche, “Umfragen zur Landtagswahl Sachsen-Anhalt -2026: Kann die AfD alleine regieren?” (24.08.2026, INSA/NIUS)
-bundestagwahlumfrage.de, “AfD Sachsen-Anhalt 2026: 42% in Umfragen — Was bedeutet das für die Landtagswahl im September?”
-Statista, “Regierungsbeteiligung von AfD und BSW auf Landesebene” (Umfragedaten)
-t-online, “MV-Wahl 2026: Wahlumfrage zeichnet Prognosetrend” (01.09.2026, RTL/n-tv Trendbarometer)

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