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Doppelte Front: Russlands hybrider Druck auf Europa und Kiews Kampf um eingefrorene Milliarden

September 4, 2026
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Vor dem vierten Kriegswinter in Folge zeichnet sich für Europa und die Ukraine ein doppeltes Krisenbild ab: Während Russland seine hybriden Angriffe auf europäische Gesellschaften systematisch ausweitet, um Zusammenhalt und Unterstützung für Kiew zu untergraben, kämpft die Ukraine parallel mit einer der schwersten Haushaltskrisen seit Kriegsbeginn 2022. Beide Entwicklungen hängen enger zusammen, als es auf den ersten Blick scheint.

Moskaus Strategie: Spalten, verunsichern, Druck below the threshold

Nach Einschätzung europäischer Sicherheitsbehörden verfolgt Russland eine gezielte Strategie, die europäischen Zusammenhalt gegenüber der Ukraine-Unterstützung zu schwächen. Der Politikanalyst Sviatoslav Hnizdovskyi erläuterte gegenüber Euronews, dass sich hybride Druckmittel in Europa besonders wirksam einsetzen ließen, um Sanktionen und militärische Unterstützung infrage zu stellen. Die eingesetzten Mittel reichen von Desinformationskampagnen über Cyberangriffe bis zu Sabotageakten und Drohnenvorfällen – Instrumente, die bewusst unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Angriffs bleiben und dadurch eine klare politische wie juristische Einordnung erschweren.

Wie ernst die Lage inzwischen eingeschätzt wird, zeigte sich auf dem Treffen der EU-Verteidigungsminister am 20. Februar 2026 in Krakau: EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas bezeichnete die Sicherheitslage Europas als “unsicherer als seit Jahrzehnten” und benannte Russland explizit als “große Bedrohung”.

Bundeskanzler Friedrich Merz hatte die Situation bereits im September 2025 mit dem inzwischen vielzitierten Satz zusammengefasst:

“Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden.” Ein aktueller Vorfall verdeutlicht die Brisanz: Nach einem Drohnenzwischenfall am Flughafen Leipzig machte die Bundesregierung Russland verantwortlich und reagierte mit der Schließung des russischen Konsulats sowie des Russischen Hauses.

Vor diesem Hintergrund ist auch das Gespräch mit Frankreichs Europaminister Benjamin Haddad einzuordnen, über das Euronews berichtete: Im Zentrum standen Russlands wachsende Drohungen gegen europäische Staaten sowie Moskaus Bemühen, EU-Regierungen zu spalten und Bürgerinnen und Bürger zu verunsichern, deren Länder die Ukraine unterstützen. Die EU reagiert unter anderem mit einem eigenen Sanktionsrahmen gegen hybride Bedrohungen, der zuletzt bis zum 9. Oktober 2026 verlängert wurde und sich gezielt gegen Personen und Organisationen richtet, die an Destabilisierungsaktivitäten der russischen Führung beteiligt sind.

Kiews Finanznot: Ein Haushaltsloch von 32,6 Milliarden Euro

Parallel zur sicherheitspolitischen Front verschärft sich die finanzielle Lage der Ukraine dramatisch. Finanzminister Serhij Martschenko erklärte gegenüber Euronews, das Land erlebe seit Beginn der großangelegten russischen Invasion 2022 keine derart angespannte Haushaltslage. Da sich der Staatshaushalt zunehmend auf Militärausgaben und Waffenbeschaffung konzentriert, geraten zivile Bereiche zunehmend unter Druck. Martschenko arbeitet nach eigenen Angaben bereits an einem Haushaltsentwurf, der von einer Fortdauer des Krieges bis 2027 ausgeht; die Finanzierungslücke beziffert er auf rund 32,6 Milliarden Euro – eine Größenordnung, die auch der Internationale Währungsfonds nach jüngsten Konsultationen in Kiew grundsätzlich bestätigt.

Als Ausweg schlägt Kiew einen neuen Treuhandplan vor, mit dem rund 300 Milliarden US-Dollar an eingefrorenen russischen Vermögenswerten mobilisiert werden sollen. Kern des ukrainischen Vorschlags ist eine veränderte Zuständigkeitsstruktur: Bislang trägt vor allem Belgien, wo mit rund 194 Milliarden Euro der größte Teil der eingefrorenen Gelder beim Clearing-Haus Euroclear liegt, das juristische Risiko eines möglichen russischen Vorgehens gegen die Maßnahme. Der neue Plan soll diese Verantwortung nach Martschenkos Worten auf alle 27 EU-Mitgliedstaaten verteilen – nicht mehr Belgien allein, sondern die gesamte Union müsse sich im Zweifel juristisch mit Russland auseinandersetzen.

Ein Plan mit Vorgeschichte – und offenem Ausgang

Die Idee, eingefrorene russische Vermögenswerte für die Ukraine nutzbar zu machen, ist nicht neu: Bereits im Dezember 2025 hatte die EU einen entsprechenden, lange verhandelten Plan auf Eis gelegt. Damals einigten sich die Staats- und Regierungschefs stattdessen auf ein gemeinsam finanziertes, zinsloses Darlehen über 90 Milliarden Euro für die Jahre 2026 und 2027 – finanziert über gemeinsame EU-Anleihen, nicht über eine direkte Beschlagnahmung russischer Gelder. Genau an diesem Punkt setzt der neue ukrainische Vorstoß an: Er soll die rechtlichen Bedenken ausräumen, die eine direktere Nutzung der Vermögenswerte bislang verhindert haben.

Martschenko zeigte sich zuversichtlich, dass sich bis zum geplanten Treffen der Eurozonen-Finanzminister im September weitere Staaten der Initiative anschließen könnten. Zu den möglichen Unterstützern zählen nach seinen Angaben Polen, Schweden, die Niederlande und Spanien. Dennoch bleibt der Widerstand groß – nicht zuletzt, weil einzelne Mitgliedstaaten weiterhin rechtliche und finanzielle Risiken einer direkten Vermögensnutzung fürchten.

Die parallele Betrachtung beider Entwicklungen zeigt ein zusammenhängendes Bild: Russlands hybrider Druck auf europäische Gesellschaften zielt nach Einschätzung von Sicherheitsexperten explizit darauf ab, genau jene europäische Geschlossenheit zu untergraben, die die Ukraine für eine Lösung der Finanzierungsfrage benötigt. Je stärker es Moskau gelingt, Zweifel an der Sinnhaftigkeit fortgesetzter Unterstützung in europäischen Gesellschaften zu säen, desto schwerer dürfte es Kiew fallen, die notwendige politische Einigkeit für einen Zugriff auf die eingefrorenen Vermögenswerte zu erzielen. Der kommende Winter dürfte damit zu einem doppelten Belastungstest werden – für die Resilienz der europäischen Gesellschaften ebenso wie für die Finanzkraft der Ukraine.

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Quellen:

  • Euronews Deutsch, “Europe Today: Russland bedroht Europa, Ceuta-Krise spitzt sich zu, AfD vorn im Osten” (04.09.2026)
  • Euronews Deutsch, “Exklusiv: Ukrainischer Finanzminister warnt vor hartem Budgetengpass” (04.09.2026)
  • Wetterauer Zeitung / dpa-Kooperation mit Euronews (Maria Tadeo), “Russische Angriffe verschärfen Finanznot: Ukraine drängt EU auf Zugriff auf eingefrorene Vermögen” (04.09.2026)
  • Euronews Deutsch, “Eskalation 2026: So schwächt Russland gezielt den europäischen Zusammenhalt” (28.01.2026)
  • Correctiv, “Putins hybrider Krieg” (02.09.2026)
  • NZZ, “Hybrider Krieg: Steht Europa vor einer Eskalation mit Russland?” (30.08.2026)
  • Rat der Europäischen Union (Consilium), “Russlands hybride Aktivitäten: EU-Sanktionen”

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