Das Ölkartell Opec+ hat seine Förderobergrenze zum sechsten Mal in Folge angehoben. Ab September dürfen die Mitgliedsstaaten der Kerngruppe täglich 188.000 Barrel (je 159 Liter) mehr fördern, wie die sieben beteiligten Länder nach einem Online-Treffen mitteilten. Zur Kerngruppe zählen Saudi-Arabien, Russland, Irak, Kuwait, Kasachstan, Algerien und der Oman.
Mehr Angebot auf dem Papier, nicht zwangsläufig auf dem Markt
Analysten weisen darauf hin, dass eine höhere Förderobergrenze nicht automatisch bedeutet, dass auch tatsächlich mehr Öl auf den Weltmarkt gelangt. Große Produzenten wie Saudi-Arabien haben ihre zugeteilten Höchstmengen in den vergangenen Monaten gar nicht ausgeschöpft. Ein wesentlicher Grund dafür ist die teilweise Blockade der Straße von Hormus, über die ein Großteil des saudischen Öls verschifft werden müsste.
Die Opec mit Sitz in Wien koordiniert die Förderquoten ihrer Mitglieder, um Einfluss auf den Weltmarktpreis zu nehmen. Die Gruppe kündigte zugleich an, künftige Erhöhungen je nach Marktlage zu beschleunigen, auszusetzen oder wieder zurückzunehmen. Über die weitere Förderpolitik will die Opec+ am 6. September erneut beraten.
Von der Krise zur Normalisierung
Der Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran hatte die Fördermenge der Opec+-Staaten zeitweise einbrechen lassen – von knapp 43 Millionen Barrel pro Tag im Februar auf nur noch rund 33 Millionen im Mai, bei einem weltweiten Gesamtverbrauch von etwa 100 Millionen Barrel täglich. Mit der Wiedereröffnung der Straße von Hormus hat sich die Lage inzwischen weitgehend beruhigt. Die Nordseesorte Brent notierte zuletzt wieder nahe dem Niveau von vor der Eskalation, nachdem der Preis in der Spitze auf über 120 US-Dollar je Barrel gestiegen war.
Analysten warnen vor Überangebot
Trotz der aktuell noch angespannten Lage rechnen mehrere Marktbeobachter für die kommenden Monate mit einem deutlichen Überangebot. Ein Analyst des Marktforschungsdienstes Independent Commodity Intelligence Services geht für das kommende Jahr von einem Überschuss von mehr als vier Millionen Barrel pro Tag aus – mit entsprechendem Abwärtsdruck auf die Preise. Auch mehrere Wall-Street-Banken haben ihre Prognosen bereits auf eine Preisspanne von 60 bis 65 US-Dollar je Barrel gesenkt.
Als weitere Gründe für den Preisdruck gelten eine schwächere Nachfrage aus China, steigende Exporte von Produzenten außerhalb der Golfregion sowie die koordinierte Freigabe strategischer Ölreserven durch mehrere Staaten.
Was bedeutet das für Verbraucher in Europa?
An den europäischen Zapfsäulen zeichnet sich bislang nur ein gemischtes Bild ab. Zwar bewegt sich der Ölpreis rein rechnerisch in Richtung Entspannung, doch die Rückgänge kommen bei Diesel- und Benzinpreisen bislang nur verzögert an. Neben dem Rohölpreis spielen für die tatsächlichen Kraftstoffpreise auch Raffineriekosten, Transportkosten und nationale Steuern eine erhebliche Rolle – Faktoren, die von der Opec+-Entscheidung unberührt bleiben.
Ob und wie schnell sich die Förderausweitung tatsächlich in niedrigeren Preisen an der Tankstelle niederschlägt, bleibt daher offen. Die geopolitische Lage im Nahen Osten und die Entwicklung der weltweiten Nachfrage – insbesondere aus China – dürften in den kommenden Monaten weiterhin die entscheidenden Stellschrauben sein.